Archiv für Mai 2015

public fart

letzten sommer war dresden austragungsort eines schauspiels, das hier subjektiv und bruchstückhaft erwähnung finden soll: auf rebelart wurde zur DRESDEN PUBLIC ART VIEW geladen, die internationale einsendungen sichtet und eine auswahl über plakatwände der öffentlichkeit zugänglich macht. wenn ich im folgenden von straßenkunst spreche, mag das eine unterstellung sein. der aufruf liest sich soweit so gut.

auf zweitem blick entdeckt man achso kunstbegeisterte förderer wie sparkasse und stroer. zur nichtteilnahme ausreichende gründe wären somit nicht nur die technische beschränkung auf druck, sondern vielmehr ein sponsor, der einsendungen als nicht genehme ablehnen wird. für eine klandestine verwendung des motivs, die sich straßenkunst seit jeher nicht nehmen ließ, wäre es hinterher zu spät. ein pladoyer fürs ungefragt machen und kunst von unten. ansonsten empfehle ich das nächste adbusting nur mit absprache der werbeagentur.

bei bekanntgabe der glücklichen, die einen slot öffentlichkeit gewonnen haben, war Ox zu lesen, eine koryphäe der plakatkunst. erste zweifel an der verfemung – ist er doch ein oft und gern im netz gesehener künstler. es wird eine bustour geben und ich knicke ein. war die erste auswahl der werke bis dahin noch untransparent, so wird es die derjenigen, die auf der sightseeingroute liegen, auch bleiben.

der vorabend als noch pulsierende erinnerung zwischen eskalation und eskapismus, droht die tour zur höllenfahrt zu werden. spätestens zur abfahrt hab ich den kater verjagt, aber die initiatoren haben keine mühe gescheut, alle zeitlebens empfunden schmerzen wieder in erinnerung zur rufen. im zugegeben schicken roten bus spielt die neonröhre des jenseits einen 8bit breakcore – der lockruf, der jeden überwunden geglaubten kater weckt. es klingt so, als würde jemand die schrottigsten diskountboxen an einem quäkenden mikrofon reiben, was nur daran liegt, dass jemand die schrottigsten diskountboxen an einem quäkenden mikrofon reibt. willkommen auf einer nie enden wollenden busfahrt voller sich selbst feiernden.

im folgenden werden werke angefahren und kommentiert, sofern sich worte finden. alle ansagen frei aus dem gedächtnis: „vielleicht sollten wir den leuten sagen, warum wir das auf der straße machen? eine ausstellung innen ist mit viel aufwand verbunden, dauert ewig. aber alle unsere künstler sind so gut, dass sie in galerien ausstellen sollten“. entweder haben die initatoren ein gelage hinter sich, das das meine in den schatten stellt und alles vergessen macht, oder sie haben keine ahnung, dass ihr ghostwriter im aufruf etwas von „gesellschaftliche[r] Reflexion und direkte[r] Wahrnehmung“ geschrieben hat.

generell zeichnet sich die bustour durch fehlende vorbereitung aus: „das nächste bild kommt gleich…“ (karte auffaltend) „…auf der rechten seite. ah, jetzt ist was im weg, busfahrer bitte hierlang…ach, jetzt ist es links…und es ist der wunderbare künstler…“ (tuschelnd) „…sind ja alle wunderbar…“ irgendwer souffliert den namen und für gelächter ist gesorgt.

wir passieren auch das werk ‚finish‘ von BR1. man sieht von sardiniens küste aufs mittelmeer. im vordergrund eine ziellinie und darunter ein erschöpfter flüchtender in schwimmweste. offensichtlich sieht der künstler nach strapaziöser flucht und allem zur flucht führenden leid am europäischen festland ein ziel, ein ende aller widrigkeiten erreicht. weil damit mitnichten ein ende der gefahr gemeint sein kann, die sich bis in unsere behörden und braunen dörfer fortsetzt, ist es dem künstler ein inneres ziel, eine ‚new hope‘. In jedem fall ist das plakat den unzähligen verunglückten vor der festung europa gewidmet. was sagen die initiatoren? sie kramt namen und nationalität des künstlers hervor und beschreibt was offensichtlich zu sehen ist. diese analyse hätte ich tags zuvor volltrunken besser leisten können. dann schließt sie mit: „und das ist dann politisch oder?“ (fragend an kollegin) „ja, politisch“.

wegen offenkundiger sympathie wurde folgendes werk ausführlich gehypet: Matthieu Tremblins ‚The Treason of Brands / The two evidences‘. das mashup aus René Magritte und nike ist unter allen bisher gesehenen adbustings das geistig dünnste. ohne das ausführlich darzulegen, nur eines als denkanstoß: hier wird nicht werbung zu kunst oder kritik gebustet, sondern ein dürftiges abseits kapitalischer verwertung zeigt sich als ebensolches und referenziert sich wieder mit der marke. alles weitere würde tiefer gehen als die intention des künstlers. wie es sich für fans gehört, haben sie schon shirts mit dem motiv entwertet.

was man dem leiermann „des jenseits“ zu gute halten kann, waren seine zwischenfragen: welche jury hat nach welchen kriterien die auswahl der arbeiten vorgenommen? hat insbesondere stroer als sponsor einfluss auf die auswahl der standorte und werke gehabt? ja und ja: stroer hat die stärker frequentierten standorte den zahlenden werbekunden vorbehalten. und stroer hat auch vom eingeräumten veto gebrauch gemacht: so kam es, dass das sehenswerte werk von matthias speck keine öffentlichkeit erhalten soll. offizielle begründung war die ablehnung von selbstkritik.

alles hat ein ende und so auch debile ansagen, geistig dünnes und der sound, der meinen kater weckt und tanzen lässt. bei aller liebe zum trash, das war unterirdisch. heute mit klarem kopf, halte ich nicht das ganze unterfangen für ein per se falsches. wäre die straße im sinne der streetart als eine für alle und im nebenher zu rezipierende galerie verstanden, wie es der name public art glauben lässt, sollte man über die wirkung streiten. und über den preis, den man zahlt, wenn man für straßenkunst mit unternehmen kollaboriert, die unsere städte in tote warenkataloge hüllen. wer an die „reflexion des wahrgenommenen“ appelliert, sollte bemerkt haben, dass stroer tagein tagaus große flächen unseres sichtfelds kapitalisiert. andernfalls war die chose nur ein weiteres kulturindustrielles plus im eigenen portfolio. oder um es mit einer missverstandenen zeile von retrogott zu sagen: „[sie] verkennen den unterschied zwischen unterhaltung und der haltung“.